Wie lässt sich der Sozialstaat so umbauen, dass er den Menschen Sicherheit gibt, Chancen eröffnet und gleichzeitig unbürokratisch, verständlich und nah an den Lebensrealitäten funktioniert? Über genau diese Fragen haben wir im Rahmen der Reihe „Fraktion vor Ort“ der SPD-Bundestagsfraktion am 17. Juni 2026, im Internationalen Begegnungszentrum (ibz) in Karlsruhe diskutiert.

Auf dem Podium waren neben Katja Mast, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, und mir als Vetrtreter der Bundestagsfraktion auch die Karlsruher Sozialbürgermeisterin Yvette Melchien sowie Carl-Philipp Schöpe, Leiter des Amtes für Soziales und Senioren der Stadt Heidelberg.

Reformbedarf in Zeiten knapper Kassen: Die 26 Vorschläge der Sozialstaatskommission

Der Sozialstaat gehört zu den größten Errungenschaften unseres Landes, doch in der alltäglichen Praxis erleben ihn viele Bürgerinnen und Bürger als zu unübersichtlich und von Bürokratie gelähmt. Um hier Abhilfe zu schaffen, wurde im Koalitionsvertrag die Einsetzung einer Kommission zur Sozialstaatsreform vereinbart, der auch ich angehörte. Unter Federführung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales erarbeitete die Kommission ein umfassendes Reformpaket mit 26 konkreten Empfehlungen, die nun in die Umsetzung gehen.

Dass die Debatte den Nerv der Menschen trift, zeigte die rege Beteiligung vor Ort: Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger sowie Vertreterinnen und Vertreter von Sozialverbänden, Gewerkschaften und lokalen Organisationen füllten den Saal des ibz. In der Diskussion spiegelten sich auch die drängenden Sorgen wider, die viele Menschen in Zeiten knapper Kassen bewegen: Sind die Renten sicher? Wird das Gesundheitssystem teurer? Studieren unerschwinglich? Und wie entwickeln sich die staatlichen Unterstützungsleistungen weiter?

Digitalisierung als Chance – ohne den persönlichen Kontakt zu verlieren

Ein zentraler Hoffnungsträger des Abends war die konsequente Digitalisierung der Verwaltung. Die Teilnehmenden waren sich einig, dass digital zugängliche Angebote und ein zentrales Sozialportal enorme Chancen bieten, um steuerfinanzierte Leistungen – von Wohngeld über Kinderzuschlag bis zur Grundsicherung – schneller, transparenter und hürdenfreier zu beantragen.

Dabei brachte der Heidelberger Sozialamtsleiter Carl-Philipp Schöpe eine wesentliche Perspektive aus der kommunalen Praxis ein: Digitalisierung darf nicht dazu führen, dass der menschliche Kontakt verloren geht. Im Gegenteil: Wenn Routineanträge digital und unkompliziert abgewickelt werden, gewinnen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Ämtern wertvolle Zeit zurück. Zeit, die genau dort eingesetzt werden kann, wo sie am dringendsten gebraucht wird – in der persönlichen und individuellen Beratung von Menschen in schwierigen Lebenslagen.

Auch Befürchtungen beim Thema Datenschutz trat Schöpe klar entgegen: Beim Staat seien sensible Daten sicherer aufgehoben als bei vielen privaten Anbietern.

Vertrauen statt Misstrauen: Bürokratie abbauen, Verfahren vereinfachen

Ein weiterer Schwerpunkt des Abends war die dringende Notwendigkeit von Verfahrensvereinfachungen. Derzeit verteilen sich Zuständigkeiten für Sozialhilfe, Wohngeld oder Kinderzuschlag oft auf unterschiedliche Behörden und Abteilungen – wie Sozialbürgermeisterin Yvette Melchien anschaulich schilderte. Sie forderte sichtbar und spürbar schnellere Verbesserungen für die Bürgerinnen und Bürger. Katja Mast ergänzte, dass eine Zusammenführung verschiedener Kompetenzen in eine einzige Behörde zwar wünschenswert, strukturell jedoch komplex sei, weshalb bürokratische Hürden umso entschlossener abgebaut werden müssten.

Darüber hinaus wurde ein grundlegender Kulturwandel in der Verwaltung gefordert:

  • Weniger Kontrolle, mehr Vertrauen: Derzeit sind Verwaltungen oft von Misstrauen geprägt, was zu zeitraubenden und akribischen Einzelfallberechnungen führt.
  • Mehr Pauschalleistungen: Durch pauschalierte Regelsätze und vereinfachte Nachweise könnten Verfahren drastisch beschleunigt werden.
  • Geld sparen durch Unbürokratie: Katja Mast betonte, dass der Auftrag der Kommission zwar nicht primär das Einsparen von Geld war, unbürokratische Abläufe und effiziente digitale Strukturen jedoch ganz automatisch dazu beitragen, Verwaltungskosten zu senken und Ressourcen sinnvoll zu nutzen.

Sozialbürgermeisterin Melchien formulierte zum Abschluss den Wunsch, dass durch Vereinfachung und Aufklärung noch mehr Menschen ihre zustehenden Rechte kennen und Ansprüche auch tatsächlich wahrnehmen. Denn genau dafür sei der Sozialstaat und seine Behörden da: Menschen Halt zu geben, sie abzusichern und ihnen neue Chancen zu eröffnen.

Ein herzliches Dankeschön an Katja Mast, Yvette Melchien, Carl-Philipp Schöpe und Parsa Marvi sowie an alle Gäste im ibz Karlsruhe für den offenen, konstruktiven und zukunftsgerichteten Austausch!